Häuser erhalten. Räume eröffnen!

Ein Film über zwei kooperative Modelle für neue Möglichkeitsraume von sozialen und kulturellen Initiativen in leerstehenden Immobilien.

Eine Sein im Schein Filmproduktion ermöglicht durch die Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis (Daniel Kunle & Holger Lauinger, D 2014)

Leerstand bedeutet in vielen Köpfen Stillstand und Abriss. Muss das aber wirklich immer so sein? Wie setzt man Signale von Aufbruch in einst verlorenen Häusern? Nutzung statt Leerstand: Der Verein „HausHalten“ organisiert mit den Modellen „Wächterhaus“ und „Ausbauhaus“ neue Kooperationen zwischen Nutzern und Eigentümern. Verwaisende Quartiere der Stadt werden für die Bürger wieder anfassbar. Kreative und soziale Potentiale finden Raum und es bieten sich Chancen, die Lebens- und Arbeitswelt selbst zu gestalten.

Der Film „Häuser erhalten. Räume eröffnen!“ will Anregung sein, diese belebenden Ansätze auch an anderen Orten zu praktizieren. Was also können wir Bürger und die Entscheider in unseren Kommunen lernen für die Gestaltung unserer Stadt?

OYA Magazin
Leonie Sontheimer

Alte Häuser für neue Ideen! Für Münchner, Frankfurter, Kölner und Hamburger kaum vorstellbar: In zahlreichen kleinen und mittelgroßen Städten stehen die Häuser leer. Aber bedeutet Leerstand wirklich immer Stillstand und Abriss? Der Leipziger Verein HausHalten e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, Räume für Menschen und ihre Ideen zu öffnen (siehe Oya 16). Er schafft Kooperationen zwischen Eigentümern und Nutzern, die leere Häuser erhalten und mit Leben füllen wollen. „Das Wächterhaus ist die Heimat unserer Ideen“, sagt Nina, die mit zwei Freundinnen entspannt an einem kleinen Tisch vor einem ehemaligen Ladenlokal sitzt, das nun ein Jugendbüro beherbergt.

In ihrer 25-minütigen Dokumentation „Häuser erhalten. Räume eröffnen!“ zeigen Holger Lauinger und Daniel Kunle viele verschiedene Menschen, die ungenutzte, leere Häuser einer neuen kreativen Nutzung zuführen. Aus allen Gesichtern strahlt eine besondere Freude über die Möglichkeit, die eigene Lebens- u. Arbeitswelt dort selbst gestalten zu können. Der Film wird unter einer Creative Commons-Lizenz vertrieben und ist online gratis zu sehen. Er will dazu anregen, auch an anderen Orten neue Ideen in alte Häuser zu bringen. Wer den Film gesehen hat, wird nicht anders können, als sich dasselbe zu wünschen.

 

Jenapolis
Tobias Netzband

Neue Wohnformen für kleine Städte um Jena – Ein neuer Film soll aktivieren

Ein Projekt in Leipzig kann auch in Thüringen Schule machen: Wächterhäuser. Hier übernimmt der Verein Haushalten e.V. eine Vermittlerrolle. Leerstehende Häuser, oftmals aus der Gründerzeit, verfallen zusehends. Die Eigentümer sind häufig nicht vor Ort oder in der Lage, ihre Immobilien so zu sanieren – oder abreißen zu lassen – dass sich ein Engagement lohnt. Auf der anderen Seite gibt es junge und kreative Menschen, nicht viel Geld haben, aber voller Ideen und Tatendrang sind. Diese beiden – an sich ausschließende – Gruppen können zusammen gebracht werden und gemeinsam viel bewirken. Jedes Haus ist anders. Daher kann das Modell nicht 1:1 an jedem Ort umgesetzt werden. Prinzipiell ist es so, dass der Eigentümer einer leerstehenden Immobilie keine Verluste mehr machen, beispielsweise durch die Grundsteuer, will. Außerdem sinkt der Wert einer Immobilie, wenn sie nicht genutzt wird.

An dieser Stelle steigt der Verein – in Leipzig der Haushalten e. V. – ein. Dieser übernimmt die (zeitweiligen) Nutzungsrechte an der Immobilie und überträgt diese an ausgewählte Interessenten. Diese zahlen keine Miete, jedoch die Betriebskosten. So entstehen dem Eigentümer keine Verluste, und die neuen Nutzer können sich hier eine Heimat für ihre Ideen schaffen. Denn: Bei den Wächterhäusern wie auch den Ausbauhäusern zählt die Gemeinschaft. So wird gemeinsam das leerstehende Haus ausgebaut und (schrittweise) saniert. Die Grundversorgung durch Strom, Wasser und Heizung wird durch den Eigentümer gewährleistet. Zum Teil wird aus der temporären eine mittelfristige Nutzung. Acht Wächterhäuser wurden sogar aus dem Modell wieder ausgegliedert – zum Teil von den bisherigen Mietern gekauft.

Vielfach suchen junge Kreative einen günstigen Raum, um ihre Ideen zu verwirklichen. Was hat ein junger Künstler davon, wenn er viel schaffen muss, um sein Atelier zu bezahlen, aber nicht davon leben kann? Im Wächterhaus schafft er sich mit anderen “seinen” Ort, seine Heimat. Vielfach haben solche Häuser auch eine belebende Ausstrahlung auf die Nachbarschaft, sogar ganze Straßenzüge. Wächterhäuser gibt es unter anderem in Leipzig, Chemnitz, Dresden, Altenburg, Halle, Görlitz oder Zittau, aber auch in Dortmund oder Wuppertal. In Jena selbst ist der Gedanke, leerstehende Häuser an junge Menschen mit kreativen Ideen zu vermieten, etwas abwegig. Nicht, weil es hier keine kreative Szene gebe – nein, hier fehlt es trotz umfangreicher Suche an geeigneten Immobilien. Aber: In Nachbarstädten wie in Kahla oder Apolda oder im ländlichen Raum gibt es einige leerstehende Gebäude, die wieder genutzt werden können.

Ein neuer Film, der am 15. Februar in Leipzig seine Premiere feiern konnte, zeigt die Impulse, die durch Wächter- und Ausbauhäuser ausgehen können. In diesem Film werden der Verein Haushalten e.V., die Idee und die Menschen hinter diesem innovativen Projekt vorgestellt. Hier wird der Genossenschaftsgedanke in das 21. Jahrhundert übertragen. Mit verblüffenden Folgen. Auch in Jena könnte die Idee der Wächter- und Ausbauhäuser vorgestellt und diskutiert werden. Der Film darf nicht-kommerziell aufgeführt werden.